Bestimmen die Gene, ob wir krank werden?

Neurowissenschaftler entdecken Genvarianten, die unsere Reaktion auf Stress beeinflussen

3. Juni 2015

Stress und traumatische Erlebnisse sind die stärksten äußeren Risikofaktoren für psychische Erkrankungen. Aber auch unsere genetischen Anlagen beeinflussen, wie stark wir auf unsere Umwelt reagieren und wie wir mit stressigen Ereignissen umgehen können. In einer neuen Studie haben Wissenschaftler am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie nun genetische Varianten entdeckt, die steuern, wie Zellen auf Stresshormone reagieren, und sich vielleicht auch auf unser persönliches Risiko für psychische Erkrankungen auswirken.

Manche Menschen werden krank, andere nicht. Neurowissenschaftler entdecken genetische Varianten, die unsere Reaktion auf Stress und damit das persönliche Risiko für psychische Krankheiten wie Depression oder Schizophrenie beeinflussen.

Forscher um Elisabeth Binder, Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, wollten wissen, welche genetischen Anlagen mit Stress und dem Risiko für psychische Krankheiten wie Depression oder Schizophrenie in Verbindung stehen. Dazu untersuchten sie genetische Varianten in Blutzellen, die in der Bevölkerung insgesamt häufig vorkommen. „In einem ersten Schritt haben wir ermittelt, welche von diesen etwa 2 Millionen häufigen genetischen Varianten speziell die Reaktion von Zellen auf Stresshormone beeinflussen. Das waren weit über 3.000“, erklärt Janine Arloth, Bioinformatikerin und Erstautorin der aktuellen Studie. „Dann haben wir gesehen, dass davon wiederum 282 genetische Varianten auch mit dem Risiko verbunden sind, an Depression und teilweise auch an Schizophrenie zu erkranken.“ Beide Krankheiten werden durch Stress verstärkt oder ausgelöst und die speziellen Genvarianten könnten Menschen sensibler für Stress und traumatische Erlebnisse machen.

In weiteren Experimenten zeigten die Wissenschaftler, dass diese Varianten schon allein verändern, wie Menschen bedrohliche Reize wahrnehmen. Bei gesunden Probanden, die mehrere dieser 282 Risikovarianten tragen, spricht das Angstzentrum im Gehirn – die Amygdala, also der Mandelkern – bereits auf wenig bis eigentlich nicht bedrohliche Reize an. Solch eine Überreaktion des Angstzentrums wurde in anderen Studien auch bei Patienten mit Depression gezeigt und könnte folglich ein Risikofaktor für diese Erkrankung sein.

„Genetische Varianten, die die molekulare Stressreaktion der Zelle steuern, scheinen auch die Antwort von unserem Gehirn auf Bedrohungen und somit das Risiko für psychische Erkrankungen zu beeinflussen“, fasst Elisabeth Binder zusammen. „Wenn wir die molekularen Faktoren besser verstehen, die unsere Stressempfindlichkeit verändern, dann können wir künftig hoffentlich bessere vorbeugende Maßnahmen und Therapien für psychische Erkrankungen entwickeln.

In weiteren Studien möchten die Wissenschaftler testen, ob sich manche der 282 genetischen Varianten und die dadurch bedingten molekularen Veränderungen in den Zellen als Risikomarker eignen. Mit solchen Markern könnten künftig frühzeitig Patienten mit hohem Risiko identifiziert werden. Durch gezieltes Vorbeugen erhoffen sich die Forscher bei diesen Personen eine psychische Erkrankung verhindern oder zumindest abschwächen zu können.

EB/AN

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