Personalisierte Medizin

Personalisierte Medizin

Personalisierte Medizin bedeutet, dass wir Ihre individuellen Eigenschaften und körperlichen Gegebenheiten für die Optimierung unserer Behandlung nutzen und diese hierdurch individuell auf Sie abstimmen können. Einer Depression kann beispielsweise eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen zugrunde liegen. Entsprechend vielschichtig sind die Faktoren, die den Erfolg einer Depressionstherapie ausmachen.

Mit dem heutigen Erkenntnisstand sind wir unserem Ziel näher gekommen, die Depressionstherapie im Rahmen der sog. Personalisierten Medizin auf den einzelnen Patienten individuell abzustimmen. Wir nutzen zahlreiche Informationen, um ein individuelles Profil unserer Patienten zu erstellen und die Therapie hierauf gezielt auszurichten. Unnötige – weil unwirksame – Behandlungen können so vermieden und unerwünschte Wirkungen vermindert werden. Dies bedeutet mehr Sicherheit für unsere Patientinnen und Patienten und erlaubt eine wirksamere Behandlung.

Was können wir über die Wirksamkeit von Medikamenten sagen? Welches Medikament wirkt bei wem und in welcher Dosierung?

Ein Medikament wird oftmals über einen längeren Zeitraum hinweg verschrieben, bis klar wird, ob der Patient überhaupt von dessen Einnahme profitiert. Alle Medikamente durchlaufen im Körper mehrere Verarbeitungsschritte, bevor sie in das Gehirn gelangen und ihre therapeutische Wirkung entfalten können. Der erste Abbauschritt findet in der Leber statt. Die Nierenfunktion ist in der Folge wichtig für das Ausschwemmen der Medikamente aus dem Körper. Da diese Abbauvorgänge bei jedem Patienten unterschiedlich stark und schnell ablaufen, bestimmen wir mit Hilfe des therapeutischen „drug monitoring“ die individuelle Konzentration einzelner Medikamente im Blut und können so deren Dosis auf die persönliche Abbau- und Verarbeitungsgeschwindigkeit jedes Patienten einstellen.

Nähere genetische Bestimmungen einzelner Enzyme aus der Leber (sog. CYP-Proteine) weisen auf die individuelle Abbaugeschwindigkeit bestimmter Medikamente sowie potentielle Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten hin und können so bei der Einstellung einer wirksamen Dosierung helfen.

Unter anderem beeinflußt das ABCB1-Gen die Fähigkeiten eines Wächtermoleküls der Blut-Hirn-Schranke, bestimmte Antidepressiva überhaupt erst an ihren therapeutischen Zielort – das Gehirn – zu lassen. Da dies wissenschaftlich noch nicht validiert ist, führen wir nur in begründeten Einzelfällen im stationären Bereich die Bestimmung der ABCB1-Varianten durch, um in Verbindung mit weiteren Erkrankungsmerkmalen eine personalisierte Therapieempfehlung auszusprechen.

Die hier beispielhaft genannten Informationen helfen uns, die medikamentöse Behandlungsstrategie im Hinblick auf einen maximalen Therapieerfolg bei gleichzeitig minimalen Nebenwirkungen optimal zu gestalten.

Was sagen uns die Hormone? Gestörte Stresshormonregulation und antidepressiver Therapieerfolg

Akute und chronische Belastungen (Stress) spielen als Auslöser einer depressiven Episode und vieler anderer psychischer Erkrankungen eine wichtige Rolle. Vor und in der akuten Erkrankungsphase kann dies zu einer Störung der Stresshormonregulation führen – das Gehirn verliert die Kontrolle über die Stresshormone. Die Depression als Stressfolgeerkrankung führt wie chronischer, lang andauernder Stress zu einer Überlastung des Organismus. Dies hat Auswirkungen auf das Immunsystem, wie eine erhöhte Infektanfälligkeit oder eine Zunahme sonstiger Erkrankungen. Negative Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System entstehen durch die Entwicklung eines Bluthochdrucks, der viszeralen Adipositas (Bauchfett, Verfettung innerer Organe) und eines Diabetes. Zusätzlich werden negative Auswirkungen auf das Gehirn beobachtet, bis hin zur Schrumpfung (Atrophie) der Hirnregion Hippocampus mit Einbußen von Konzentration, Gedächtnis und Lernen.

Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie wurde mit dem sog. „Dex/CRH-Test“ eine präzise Methode zur Diagnose dieser Störungen der Stresshormonregulation entwickelt. Interessanterweise führt eine erfolgreiche Depressionstherapie zu einer Normalisierung. Dies zeigt sich im Dex/CRH-Test durch eine Verminderung des Stresshormons Cortisol. Die Cortisolantwort im Dex/CRH-Test gilt daher als Biomarker für den antidepressiven Therapieerfolg, d. h. sie kann diesen vorhersagen. Die aktuelle Forschung unseres Hauses zeigt, dass hierzu neben dem Stresshormon Cortisol auch dessen Stoffwechselprodukte sowie die messbare Aktivität bestimmter Gene als Indikator für die Stressregulation einen weiteren wichtigen Beitrag liefern können. Wesentlich sind dabei die dynamischen Veränderungen, die uns eine Aussage über die Wirkung der Behandlung geben. Unsere Ergebnisse zielen darauf ab, durch Bestimmung dieser Blutparameter eine schnellere und verlässlichere Prognose für den Therapieerfolg unter der aktuellen Behandlungsstrategie erstellen zu können.

Was sagt uns Ihr Stoffwechsel-Risikoprofil?

Durch das dauerhaft aktivierte Stresshormonsystem kommt es zur Unterdrückung von Hormonen der Hirnanhangdrüse (Hypophyse), wie beispielsweise Wachstums-, Schilddrüsen- oder Geschlechtshormonen. Damit verschlechtert sich die Körperzusammensetzung mit einer zusätzlichen Erhöhung der inneren Fettmasse, einer Abnahme der Muskulatur und der Entwicklung von Osteoporose. Psychische Erkrankungen führen auch durch krankheitsbedingt geänderte Verhaltensweisen - wie zum Beispiel eine ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung - zu körperlichen Veränderungen. Hierzu können auch die in der Therapie eingesetzten Medikamente beitragen, die je nach individueller Veranlagung zu Veränderungen des Energieumsatzes führen.

Innerhalb unseres Instituts stehen daher modernste Möglichkeiten zur Verfügung, welche die Messung der Körperzusammensetzung und diverser Stoffwechselparamater sowie die genaue Feststellung des individuellen Energieumsatzes ermöglichen. Wir können individuell den Grundumsatz und die jeweilige Körperzusammensetzung (Fett, Wasser, Muskelmasse, Knochenmasse) bestimmen. Mit den Möglichkeiten eines institutseigenen modernen Labors für Klinische Chemie und unserer Funktionsdiagnostik wird ein individuelles Stoffwechsel-Risikoprofil erstellt. In enger Zusammenarbeit von Internisten, Psychosomatikern, Psychiatern und Neurologen sowie unter Einbeziehung der hauseigenen Ernährungsberatung werden auf Basis der gewonnenen Informationen individuelle Konzepte entwickelt, um Entgleisungen des Stoffwechsels entgegenzuwirken bzw. diese individuell zu behandeln. So können schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes und Schlaganfall rechtzeitig verhindert werden.

Was sagt uns der Schlaf?

Bei depressiven Patienten sind Schlafstörungen ein häufiges und quälendes Symptom. Im Schlaflabor lassen sich mit Hilfe nächtlicher Schlafuntersuchungen charakteristische Veränderungen des Schlafes finden, z. B. weniger erholsamer Tiefschlaf, häufiges nächtliches Erwachen oder enthemmter Traum-Schlaf (REM-Schlaf). Darüber hinaus können viele Medikamente den Schlaf beeinflussen oder gar stören. Diese Schlafstörungen verstärken die oben genannten Stoffwechselstörungen und damit das Risiko, an Arteriosklerose zu erkranken. Untersuchungen des Schlafs depressiver Patienten haben zum Ziel, sowohl Veränderungen vor der Behandlung als auch Auswirkungen von Medikamenten zu identifizieren. Diese Untersuchungsergebnisse können zu einer personalisierten Medizin beitragen, indem sie Nebenwirkungen verhindern oder ein Ansprechen auf die Therapie vorhersagen.

Was sagt uns Ihre kognitive Leistung?

Kognitive Leistungen umfassen die Bereiche Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutive Funktionen (Planen, Problemlösen, Flexibilität, Überwachen und Anpassen der eigenen Handlungen) und spielen sowohl im beruflichen als auch im privaten Alltag eine sehr wichtige Rolle. Kognitive Leistungen sind häufig bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen betroffen; deshalb bildet ihre Untersuchung mit zuverlässigen und standardisierten Verfahren einen wichtigen Bestandteil einer umfassenden Funktionsdiagnostik. Aus dem Profil der Untersuchungsergebnisse kann ein individuelles positives (erhaltene Leistungen) und negatives (betroffene Leistungen) Leistungsbild erstellt werden. Dieses Leistungsbild bildet auch die wesentliche Grundlage für eine individuelle, nach Art und Schweregrad der kognitiven Leistungseinbuße(n) maßgeschneiderte Behandlung in Form eines kognitiven Funktionstrainings, z.B. zur Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit.

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