„Die Täter haben sich nach dem Krieg sicher gefühlt“
Der Historiker Herwig Czech über „Euthanasie“-Verbrechen, Wissenschaft und Erinnerungskultur
Nikolaus Habjans vielfach ausgezeichnetes Figuren-Theaterstück „Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ gastiert am 28.5.2026 im Kleinen Theater München-Haar auf Einladung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie und des kbo-Isar-Amper-Klinikum. Die Veranstaltung ist Teil der Auseinandersetzung beider Einrichtungen, die in die nationalsozialistischen Krankenmorde involviert waren, mit ihrer NS-Vergangenheit. Nach 1945 konnten viele damalige „Euthanasie“-Täter ihre Arbeit unbelangt fortsetzen und an Präparaten von Opfern wurde noch bis in die 1970er-Jahre am Max-Planck-Institut für Psychiatrie geforscht.
Habjans Stück erzählt die Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel, der das nationalsozialistische Kinder-„Euthanasie“-Programm in der Wiener Jugendfürsorge-Einrichtung Am Spiegelgrund bis 1945 überlebte. Als Erwachsener steht er rund 30 Jahre später seinem damaligen Arzt und Peiniger Heinrich Gross wegen eines Eigentumsdelikts als Angeklagter gegenüber. Zawrel erkennt Gross wieder und konfrontiert ihn mit seiner Vergangenheit – beinahe wäre es Gross gelungen, Zawrel auf Dauer um seine Freiheit zu bringen. Der vielfach prämierte Schauspieler, Autor, Regisseur und Theater- und Puppenkünstler Nikolaus Habjan entwickelte das Stück 2012 und gastiert seitdem an großen deutsch-sprachigen Bühnen.
Herwig Czech ist Professor für Geschichte der Medizin an der Medizinische Universität Wien mit Schwerpunkt medizinische Zeitgeschichte und Nationalsozialismus. Zuvor forschte er am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands zur „Euthanasie“-Geschichte der Wiener Heilstätte Am Spiegelgrund. Derzeit ist er Co-Projektleiter des von der Max-Planck-Gesellschaft initiierte Forschungsprojekts zur Geschichte der Hirnforschung an Opfern der NS-Verfolgung an Instituten der Kaiser-Wilhelm- und Max-Planck-Gesellschaft. Die Ergebnisse erscheinen im Spätsommer im Wallstein-Verlag.
Sie haben Friedrich Zawrel noch selbst kennengelernt. Was ist das Besondere an seiner Geschichte?
Ich habe 2011 etliche Stunden mit ihm verbracht und ein langes Zeitzeugen-Interview mit ihm geführt. Er war sehr bescheiden und ich war beeindruckt von der Präzision seines Gedächtnisses. Das Unglaubliche an seinem Schicksal ist, wie sehr es die Kontinuitäten und die Verdrängung der NS-Vergangenheit in Österreich symbolisiert. Seine Geschichte zeigt auch, wie sicher sich die Täter noch viele Jahre nach dem Krieg gefühlt haben.
Was macht Zawrels Schicksal für das Theater interessant?
Das ist der Antagonismus der Hauptpersonen Friedrich Zawrel und Heinrich Gross. Auf der einen Seite steht Zawrel, der als Jugendlicher Am Spiegelgrund misshandelt wurde, sich nicht unterkriegen ließ, Fluchtversuche unternahm und das Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Jugendhaftstätte erlebte. Jahrzehnte später trifft er auf Heinrich Gross, der Am Spiegelgrund Hunderte von Kindern vergiftete. Er sitzt Zawrel Anfang der 70er-Jahre als Gutachter gegenüber und will ihn lebenslänglich in „Sicherheitsverwahrung“ bringen, wobei Gross auf Gutachten aus der NS-Zeit zurückgreift.
Wie nah ist die Geschichte an den historischen Fakten?
Das Stück wurde von Zawrel und Habjan gemeinsam entwickelt und enthält etliche Zitate aus Originaldokumenten, wie Krankenakten. Das Stück ist sehr nahe an dem, was er mir damals berichtet hat und was die Dokumente auch bestätigen.
Wie wichtig war Zawrels Geschichte dafür, dass die „Euthanasie“-Verbrechen aufgearbeitet und Täter belangt wurden?
Indem ein Journalist Zawrels Geschichte öffentlich machten, kam einiges in Gang. Denn die NS-Verbrechen in der Medizin und der Kinder-„Euthanasie“ in Wien wurden erst sehr spät in den Fokus gerückt. Die überlebenden Opfer von Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Verbrechen hatten es besonders schwer, sich politisch Gehör zu verschaffen. Die ohnehin marginalisierte Position der NS-Opfer war lange Zeit von den Organisationen der ehemaligen politischen Häftlinge dominiert. Von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1990er-Jahre gab es keine Versuche der juristischen Aufarbeitung der Medizinverbrechen.
Das hat Heinrich Gross erlaubt, sich als einer der angesehensten Psychiater und Gerichtsgutachter in Österreich zu etablieren. Er war eine prominente Person, die zunächst sogar den Rückhalt der Justiz besaß. Und obwohl 1981 rechtskräftig festgestellt wurde, dass Gross an den Euthanasie-Morden beteiligt gewesen war, dauerte es trotzdem noch bis 2000, ihn vor Gericht zu stellen.
Inwiefern waren bei den „Euthanasie“-Verbrechen in Deutschland und Österreich wissenschaftliche Interessen im Spiel?
Wissenschaftliche Einrichtungen, wie Unikliniken und psychiatrische Kliniken, fungierten als Begutachtungsabteilungen und richteten sogenannte „Kinderfachabteilungen“ ein, die dazu dienten psychisch kranke und beeinträchtigte Kinder gezielt zu töten, insgesamt schätzungsweise 10000 Opfer. Es gab auch eine enge Verschränkung mit konkreten wissenschaftlichen Interessen im Bereich Rassenhygiene und Eugenik, denn diese Forschung diente auch dazu, Methoden zur Selektion von Menschen und zur Entscheidung bei Zwangssterilisationen weiterzuentwickeln.
Besonders wichtig war außerdem die Sammlung von Gehirnpräparaten Am Spiegelgrund. Praktisch jedes Kind, das dort verstarb, wurde obduziert und es wurden Gehirn, Rückenmark, manchmal auch andere Organe entnommen und präpariert. Heinrich Gross war dafür verantwortlich, dass diese Präparate bis in die 1970er-Jahre aktiv für die Forschung verwendet wurden. Außerdem haben Wissenschaftler Präparate untereinander ausgetauscht, Hirnschnitte aus der Sammlung des Kaiser-Wilhelm-Instituts fürHirnforschung gelangten auf diese Weise nach Wien.
Der Titel des Stücks „erbbiologisch und sozial minderwertig“ ist ein Zitat aus einem medizinischen Gutachten über Zawrel aus den 1940er-Jahren. Es belegt eine Weltanschauung, die Menschen klassifiziert, abwertet und ausgrenzt, die nicht der staatlichen und gesellschaftlichen „Norm“ entsprachen. Letztlich führte das zu Massenmorden an Menschen mit Behinderung. Welche Rolle spielte die Wissenschaft dabei?
Die Annahme einer biologischen Ungleichheit zwischen den Menschen war in dem auf dem Darwinismus beruhenden wissenschaftlichen Weltbild dieser Jahre verankert. Die Ideen der Eugenik bzw. Rassenhygiene, das heißt das Streben nach einer genetisch angeblich besser ausgestatteten Menschheit, wurden wesentlich von Wissenschaftlern entwickelt und verbreitet – und das gilt auch für die letzte Konsequenz, die systematische Ermordung von Menschen als sogenanntes „lebensunwertes Leben“.
Möglicherweise ist Habjans Stück auch eine Anklage, Menschen zu wissenschaftlichen Objekten zu degradieren und sie ihrer Individualität zu berauben. Denn er macht Friedrich Zawrel nicht nur zur Hauptperson, sondern gibt dem ganzen Stück seinen Namen. Die meisten Opfer der Euthanasie blieben allerdings lange Zeit ungenannt. Wie kam es zu dieser neuen individualisierten Erinnerung an die Opfern?
Es war wohl die Hinwendung zu individuellem Gedenken an die Opfer des Holocaust, wie in der Gedenkstätte Yad Vashem, die den Umgang mit Opfern der Euthanasie veränderte. Als die Max-Planck-Gesellschaft erstmals 1990 Hirnschnitte aus ihren medizinischen Sammlungen bestatten ließ, war das individualisierte Nennen von Namen noch kein Thema. Auch viele Familien schwiegen, Friedrich Zawrel hatte seiner Mutter versprochen, nie von den Misshandlungen Am Spiegelgrund zu erzählen und brach sein Schweigen erst angesichts seiner drohenden lebenslangen Inhaftierung.
Kann das Theaterstück, das Menschen emotional anspricht, besser zur Erinnerung und Aufarbeitung beitragen als eine nüchterne geschichtswissenschaftliche Betrachtung?
Ich denke, dass sind sich ergänzende Aktivitäten. Die Geschichtswissenschaft legt die Grundlagen, indem sie die Fakten in nachvollziehbarer Weise dokumentiert, sie debattiert und größere Erklärungsmuster findet. Künstlerische Formate, die historische Themen aufgreifen, sollten sich auf Recherchen stützen, wie es hier der Fall ist.
Das Stück selbst lebt von der unglaublichen Fähigkeit von Nikolaus Habjan, diese Puppen zum Leben zu erwecken.
Kann die Veranstaltung die Erinnerungskultur in der Max-Planck-Gesellschaft bereichern?
Erinnerungskultur setzt das Wissen, was passiert ist, voraus. Ob ein Theaterstück wirklich eine tiefere Reflexion und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Gang setzt, hängt von vielen Faktoren ab. Denn Erinnerungskultur heißt auch, dass Menschen sie aus eigenem Interesse vorantreiben und das langfristig. Ich glaube es sind viele Schritte, die dazu nötig sind. Dazu gehören auch immer weitere Nachforschungen und Debatten, da jede neue Generation neue Fragen stellt.
Das Interview führte Susanne Kiewitz

