Psychiatrische Diagnosen zu oft ungenau

Genomweite Studie zeigt erstmals, wie sich bei Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung verschiedene Traumata unterschiedlich auf die Biologie der Erkrankung auswirken

29. April 2013

Behandlungen psychischer Störungen folgten bisher meist dem Schema, dass bei gleicher Diagnose und gleichen Symptomen verschiedene Patienten gleich behandelt werden. Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie legt mit einer neuen Studie den Schluss nahe, dass dieses Konzept überdacht werden muss: Gleiche Diagnose bedeutet nicht automatisch gleiche Behandlung.

Von außen würden sie gleich aussehen - erst ein Blick ins Innere zeigt die Unterschiede.

Erstmals ist es in einer genomweiten Studie an Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gelungen, den Einfluss unterschiedlicher Traumata auf die Biologie der Erkrankung eindeutig darzustellen. Danach sind auf der Ebene der Genregulation und Epigenetik in erster Linie nicht die diagnostizierten Symptome entscheidend für die Biologie eines Patienten, sondern die sogenannten Umweltrisikofaktoren – wie etwa Zeitpunkt, Dauer, Intensität oder Art eines erlittenen Traumas. Die bisher für längere Zeit unbeantwortete Frage, ob biologische Veränderungen bei Angststörungen wie PTBS diese individuellen Umweltfaktoren abbilden oder nicht, konnte damit erstmals beantwortet werden.

Den Einfluss unterschiedlicher Umweltfaktoren untersuchten die Forscher am Beispiel der Auswirkungen von Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit bei Patienten mit PTBS. Dazu analysierten sie periphere Blutzellen von 169 männlichen und weiblichen Personen im Durchschnittsalter von 45 Jahren und verglichen sie miteinander. Alle Personen waren stark traumatisiert und stammten aus Atlanta, Georgia. Eingeteilt wurden sie nach ihrer Vorprägung in drei Gruppen: eine Gruppe, die zwar traumatisiert, aber nicht an PTBS erkrankt war sowie zwei weitere Gruppen, die an den Symptomen einer PTBS litten und sich dadurch unterschieden, dass eine der beiden über Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit berichtete.

Um die Veränderungen der Genregulation darzustellen, schauten sich die Forscher sogenannte mRNA-Transkripte an – kurze, einsträngige Kopien der DNA-Sequenz, die Informationen für die Herstellung der Proteine und Enzyme codieren. Außerdem wurden die lang anhaltenden Veränderungen in der DNA gemessen, die sogenannten DNA-Methylierungen, die eine Art der epigenetischen Regulation des Stoffwechsels jeder Zelle darstellen. Überraschenderweise zeigten sich bei den zwei PTBS-Gruppen im Vergleich zu den Kontrollgruppen völlig unterschiedliche molekulare Muster. Nur zwei Prozent der Transkipte waren in beiden Gruppen gleich verändert. Der Rest war spezifisch verändert – je nach dem, ob die Person eine Misshandlung im Kindesalter erlitten hatte oder nicht.

„Es sieht danach aus, dass Patienten mit der gleichen Diagnose und den gleichen Symptomen, aber unterschiedlichen Umweltbedingungen klare messbare Unterschiede aufweisen“, erklärt Divya Mehta, Erstautorin der Studie. „Das zeigt sich auch bei den epigenetischen Markierungen, die von ihrem Umfang her zwölfmal so häufig in der Gruppe mit Kindesmisshandlung vorkommen.“

„Das Ergebnis bestätigt unseren Verdacht, dass die Biologie psychiatrischer Erkrankungen komplexer ist, als bisher oft angenommen“, kommentiert Elisabeth Binder, Leiterin der Studie: „Traumatische Ereignisse, die in früher Kindheit geschehen, schreiben sich über sehr lange Zeit in der Zelle fest. Nicht nur die Erkrankung an und für sich, sondern unser gesamtes Erleben bis zur Erkrankung scheint eine große Rolle in der Biologie von Angststörungen und Depression zu spielen.“ Bei der Behandlung von Angststörungen und Depressionen solle dies berücksichtigt werden, betont Binder.

Für die zukünftige Entwicklung von Biomarkern sei das Studienergebnis ein wichtiger Schritt voran, hebt Erstautorin Mehta hervor: „Es gibt uns ein besseres Verständnis für die Risikofaktoren psychiatrischer Erkrankungen und hilft uns, individuelle Diagnose- und Behandlungsstrategien dafür zu entwickeln."

MG

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