Walter Zieglgänsberger erhält den Sertürner Preis für sein Lebenswerk

Anerkennung für außergewöhnliche Leistungen in der Schmerzforschung

22. Mai 2014

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Walter Zieglgänsberger, Emeritus am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, erhielt am 22. Mai 2014 den Sertürner Preis, welcher nun das erste Mal für ein Lebenswerk verliehen wurde. Die Sertürner Gesellschaft e.V. würdigte damit seine außergewöhnlichen wissenschaftlichen Errungenschaften auf dem Gebiet der Schmerzforschung.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Walter Zieglgänsberger nach der Verleihung des Sertürner Preises 2014.

Walter Zieglgänsberger beschäftigte sich bereits mit Schmerzforschung, als noch die Vorstellung dominierte, dass ein Schmerzgefühl durch weitgehend starre Übertragungsmechanismen entsteht. Patienten, die an chronischen Schmerzen litten, aber keine Anzeichen für eine organische Krankheit aufwiesen, verwies man in psychiatrische Behandlung. Unterbrochen durch seine klinische Ausbildung und Forschungsaufenthalte im Ausland kehrte er immer wieder an das Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München zurück. Durch das Nebeneinander von Neurobiologie und Psychiatrie auf höchstem Niveau konnte er in enger Kooperation mit den Kliniken der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität (TU) München seine Ideen und neuen Therapiekonzepte entwickeln.

Zwischen 1969 und 1971, zu Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeiten über glutamaterge synaptische Übertragungsmechanismen im Rückenmark, war Glutamat nur als Suppenwürze bekannt. Heute gelten glutamaterge Übertragungsmechanismen an Synapsen im Zentralnervensystem als Grundlage für neuronale Plastizität, Lernen und Gedächtnis. Niemand stellt mehr in Frage, dass das Zentralnervensystem ein hochdynamisches und anpassungsfähiges System ist. Man drückt nicht einfach einen Knopf und der Schmerz wird an das Gehirn gemeldet, sondern die Schmerzübermittlung ist ein sehr plastischer Vorgang. Die wiederholte Aktivierung durch schmerzhafte Reize führt zu molekularen Veränderungen an Nervenzellen, die dadurch leichter erregbar werden. Dieses Schmerzgedächtnis kann dazu führen, dass Schmerzen selbst dann wiederkehren, wenn die auslösenden Ursachen beseitigt wurden. In solchen Fällen wird der Schmerz selbst zur Krankheit. „Es war nicht einfach, meine medizinischen Kollegen von der Existenz und der leichten Auslösbarkeit dieses Schmerzgedächtnisses zu überzeugen“, so Walter Zieglgänsberger. Inzwischen gibt es detaillierte  Erklärungsansätze dafür, wie die funktionellen und strukturellen Veränderungen im Zentralnervensystem bei chronischen Schmerzen zustande kommen und welche mögliche Bedeutung sie für innovative Ansätze in der Therapie chronischer Schmerzen darstellen. Im Zentrum der molekularen Gedächtnisforschung stehen heute strukturelle und funktionelle Vorgänge an Dendriten und ihren kleinen Fortsätzen, den Spines.

Einer seiner frühen therapeutisch relevanten Ansätze war die Entwicklung der epiduralen oder intrathekalen Opiatapplikation. Dieses von ihm in der Grundlagenforschung erarbeitete Prinzip konnte erstmals an Patienten in der Klinik angewendet werden. „In einem ersten Versuch um das Jahr 1979 spritzten wir einem unter extremen Schmerzen leidenden Krebspatienten eine kleine Menge Opiat in die Nähe des Rückenmarkes. Es war für mich ein unvergessliches Ereignis, als dieser Patient nach etwa 15 Minuten deutlich weniger Schmerzen angab und schließlich aufstand und über den Krankhausgang lief“, erzählt Walter Zieglgänsberger. „Mittlerweile ist dieses Verfahren im klinischen Alltag etabliert.“

Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden, leben in der ständigen Angst vor wieder auftretenden Schmerzen. Diese Angst und der daraus resultierende Stress werden zum Kernsymptom des chronischen Schmerzes. Solche psychische Faktoren, zuvor vernachlässigt und als bloße Reaktionen auf den Schmerz eingestuft, sieht man heute als essentielle Komponente der Schmerzverarbeitung an. Die persönliche Einstellung und die genetische Ausstattung des Patienten spielen dabei eine wesentliche Rolle. Da ein bereits bestehendes Schmerzgedächtnis nicht einfach gelöscht werden kann, zielen von Walter Zieglgänsberger entwickelte Therapiekonzepte auf eine Umprogrammierung des Schmerzgedächtnisses, das so genannte „Re-Learning“. Eine moderne multimodale Schmerztherapie nutzt die Lernfähigkeit des Gehirns. Der Patient muss aktiv werden und Aktivitäten nachgehen, die ihm in der Vergangenheit aufgrund des Schmerzes nicht mehr möglich waren. So lernt er, dass diese Aktivitäten jetzt keinen oder deutlich weniger Schmerz verursachen. Diese neuen Erfahrungen prägen sich ein und überschreiben die negativen Lerninhalte des Schmerzgedächtnisses.

Da ein bereits bestehendes Schmerzgedächtnis nicht einfach gelöscht werden kann, zielen multimodale Therapiekonzepte auf eine Revision des Schmerzgedächtnisses. Durch Kombination medikamentöser und psychotherapeutischer Maßnahmen werden die Betroffenen zur aktiven Mitarbeit motiviert - neue Lernprozesse werden angestoßen. Ziel ist es, durch „Re-Learning“ die Modifikation einer dysfunktionalen Kognition zu erreichen.

Lebenslauf

Geboren 1940 in Landshut, studierte Walter Zieglgänsberger an der LMU München Medizin und fertigte seine Dissertation 1967 am MPI für Psychiatrie an. Nach seiner Approbation im Jahre 1971 widmete er sich am MPI für Psychiatrie zunehmend der neurobiologischen Grundlagenforschung. 1976 habilitierte er sich in den zwei Fächern Physiologie und Pharmakologie und erwarb den Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie. Nach einem Forschungsaufenthalt am AVD-Center for Behavioral Neurobiology, The Salk Institute in La Jolla, Kalifornien, erwarb er 1980 den Facharzt für Klinische Pharmakologie. Von 1979 bis 1983 forschte Walter Zieglgänsberger in verschiedenen Laboren in Europa und den USA und wurde 1984 als apl. Professor an die LMU München berufen. Seit der Rückkehr nach München leitete er von 1984 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2005 die Arbeitsgruppe „Klinische Neuropharmakologie“ am MPI für Psychiatrie. Bis heute hält Walter Zieglgänsberger zahlreiche Vorträge und Workshops, betreut Doktoranden und ist Mitglied in hochrangigen medizinischen Kommissionen und Gesellschaften.

Ehrungen

Für seine wissenschaftlichen Verdienste erhielt Walter Zieglgänsberger zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Förderpreis für Schmerzforschung und Schmerztherapie, den Deutschen Schmerzpreis sowie den Galenus v. Pergamon Preis für die Aufklärung des Wirkmechanismus von Acamprosat, einer Substanz, die als unterstützende Behandlung der Alkoholkrankheit verwendet wird. 2012 erhielt er aufgrund langjähriger Kooperationen die Ehrendoktorwürde der TU München.


WZ/AN

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