Psychopharmaka als Dickmacher: Das muss nicht sein!

Psychiater entwickeln eine kurze, für Ärzte leicht anwendbare Skala, mit der das Risiko für Patienten besser eingeschätzt werden kann, unter einer medikamentösen Behandlung ihrer Depression an Gewicht zuzunehmen

24. Juni 2015

Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München haben Psychiater herausgefunden, dass insbesondere Patienten mit einem niedrigen oder normalen Körpergewicht, mit schwer ausgeprägter Depression oder mit psychotischen Symptomen während der depressiven Episode ein erhöhtes Risiko haben, während einer medikamentösen Behandlung an Gewicht zuzunehmen. Die Forscher haben vier klinische Kriterien zusammengestellt, mit denen ein Punktwert zur Abschätzung des individuellen Risikoprofils für eine medikamenten-assoziierte Gewichtszunahme berechnet werden kann. Dieser Punktwert könnte von Ärzten vor der Entscheidung für oder gegen bestimmte Medikamente zusätzlich herangezogen werden, um eine Gewichtszunahme und eventuell daraus langfristig resultierende Folgen, wie Stoffwechselbeschwerden und Gefäßerkrankungen, zu vermeiden.

Viele Patienten mit Depression brechen ihre medikamentöse Therapie ab, weil sie darunter zunehmen. Neben einem erhöhten Risiko für Stoffwechselbeschwerden und Gefäßerkrankungen durch die Gewichtszunahme, verschlechtert ein Behandlungsabbruch auch den Verlauf der depressiven Erkrankung.

Patienten mit Depression, die unter einer medikamentösen Therapie zunehmen, brechen häufig die Behandlung ab. Neben einem erhöhten Risiko für Stoffwechselbeschwerden und Gefäßerkrankungen durch die Gewichtszunahme, verschlechtert ein Behandlungsabbruch auch den Verlauf der depressiven Erkrankung. In einer groß angelegten Untersuchung von über 900 Patienten am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München und an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster haben die Psychiater vier klinisch relevante Risikofaktoren für eine Gewichtszunahme während der medikamentösen Behandlung von Patienten mit Depression identifiziert: niedriger oder normaler Body Mass Index (BMI), gewichtserhöhende Nebenwirkungen der Medikamente, hoher Schweregrad der Depression und das Vorhandensein von psychotischen Symptomen während der depressiven Episode.

“Basierend auf unseren Ergebnissen haben wir einen Punktwert zur Abschätzung des individuellen Risikoprofils für eine Gewichtszunahme entwickelt. Diesen Punktwert können Ärzte als zusätzliche Information heranziehen, um eine auf den jeweiligen Patienten zugeschnittene Behandlung auszuwählen,“ erklärt Stefan Kloiber, Oberarzt am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie und führender Autor der aktuellen Studie.

Der Punktwert wird als Summe der folgenden Kriterien berechnet:

Body-Mass-Index (BMI) ≤ 25 1 Punkt
Medikamente mit Gewichtszunahme als Nebenwirkung 1 Punkt
Schwere Depression (Wert auf der Hamilton-17-Skala > 20) 1 Punkt
Psychotische Symptome während der depressiven Episode 1 Punkt

 

= Risikowert

„Patienten mit einem Risikowert von 3 oder 4 zeigten in unserer Untersuchung nach fünf-wöchiger Behandlung im Mittel eine klinisch relevante Gewichtszunahme,“ fasst Stefan Kloiber zusammen. „Wir würden daher empfehlen, insbesondere bei Patienten mit den identifizierten Risikofaktoren, wie einer schweren Depression, niedrigem oder normalem Gewicht oder psychotischen Symptomen während der Depression, die Verschreibung von Medikamenten mit Gewichtszunahme als Nebenwirkung kritisch zu prüfen.“

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