Patienten gehen in die Schlafschule

Max-Planck-Institut für Psychiatrie bietet Psychoedukation

23. August 2016

Die meisten Menschen, die an psychiatrischen Störungen leiden, haben auch Probleme mit dem Schlafen. 80 Prozent der depressiven Patienten sind betroffen. Umgekehrt kann schlechter Schlaf auch der Vorbote einer ernsten psychischen Erkrankung sein.

Quälend lange wach liegen? Weniger Zeit im Bett verbringen hilft, um mehr zu schlafen - klingt paradox, funktioniert aber oft.

In der Klinik des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München gibt es deshalb eine Schlafschule. Dort geht es um Wissen über den Schlaf, um das Aufräumen mit Schlaf-Mythen und um Strategien für besseren Schlaf.

In der Schlafschule erfahren die Patienten Fakten über den normalen Schlaf, über Schlafstörungen, Körperfunktionen im Schlaf und vieles mehr.  Dies Wissen empfinden die meisten als entlastend, denn Schlaf-Mythen halten sich hartnäckig: Schlafunterbrechungen bedeuten schlechten Schlaf, Schlaf vor Mitternacht ist der Beste, wenig Schlaf muss in der nächsten Nacht nachgeholt werden, man muss mindestens sechs Stunden schlafen - all das entspricht nicht dem neuesten wissenschaftlichen Stand. „Durch diese Psychoedukation ist der erste Schritt zum besseren Schlafen getan“, weiß Dr. Pierre Beitinger, Leitender Oberarzt der Klinik am Max-Planck-Institut für Psychiatrie und Initiator der Schlafschule.

Zweimal pro Woche gehen betroffene stationäre und ambulante Patienten in die Schlafschule und absolvieren vier Module. "Wenn sie tagsüber nicht aktiv sind, können sie nachts auch nicht schlafen", erklärt Andrea Häßlein, Fachkrankenpflegerin und "Lehrerin" an der Schlafschule, und überreicht ihren Schülern eine vier Seiten lange Aktivitätenliste. „Denn das Problem für guten Schlaf liegt oft am Tag. Zu viel Ruhe hilft da nicht“, weiß Häßlein. Die Teilnehmer führen außerdem ein Schlaftagebuch und besprechen auf Wunsch mit ihr jede Nacht. Die psychiatrische Fachkrankenpflegerin hat nach Jahren voller Nachtdienste viele Ideen, was ein Patient ausprobieren kann: ein anderes Kissen bringt sie oder Lavendelmilch für ein Fußbad. Solche Maßnahmen bringen als Ergänzung zum entlastenden Wissen über Schlaf oft schon viel.

Die Schlafschule des Max-Planck-Instituts bereitet die Patienten auf die schlafmedizinische Behandlung vor. "Auf der Station verringern wir mit den Patienten nach und nach die Zeit, die sie im Bett liegen und erhöhen dadurch die Schlafzeit", erläutert Beitinger. Was zunächst paradox klingt, ist letztlich einfach: später ins Bett, bedeutet weniger wach liegen und langfristig mehr Schlaf. "Das geht nicht von heute auf morgen, doch nach wenigen Wochen gibt es bei den meisten deutliche Besserungen", berichtet der Schlafmediziner. Auch Schlaftabletten gehören zur Therapie, meist gerade am Anfang, wenn Patienten noch stark in ihrer Depression stecken und nicht offen für verhaltenstherapeutische Maßnahmen sind.

AS

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