Kraepelinbau

Geschichte

17. August 2026

1917 wurde die "Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie", die Vorgänger-Einrichtung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, gegründet. Neu war damals die Idee, ein fächerübergreifendes, privatfinanziertes und universitätsunabhängiges Hirnforschungsinstitut ins Leben zu rufen. Neu war auch die Herangehensweise: Der interdisziplinäre, naturwissenschaftlich orientierte Ansatz sollte der Psychiatrie neue Methoden, Erkenntnisse und Behandlungsmöglichkeiten eröffnen.

Derzeit wird die über 100-jährige Geschichte des Instituts kritisch aufgearbeitet, denn sie ist keine reine Erfolgsgeschichte. So gab es Phasen, in denen ethische Grenzen überschritten, die Psychiatrie politisch und ideologisch instrumentalisiert und das Wohl der Patient*innen missachtet wurde. Dies betrifft insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus.

NS-Vergangenheit

Zahlreiche Ärzt*innen und Forschende des Institutes kooperierten mit dem NS-Regime und teilten dessen Ideologie. Sie konnten ihre Vorstellungen von „Rassenhygiene“ im Zuge der „Erbgesundheitspolitik“ der Nationalsozialist*innen umsetzen. Sie befürworteten und ermöglichten die Zwangssterilisation von Personen, die im NS-Staat ausgegrenzt und verfolgt wurden. Sie wussten um die sogenannte „Euthanasie“, die Ermordung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen, legitimierten diese wissenschaftlich und profitierten von ihr: Tausende Gehirnpräparate von Ermordeten gelangten an das Institut und wurden dort für Forschungszwecke missbraucht – auch noch nach 1945.

Eine kritische Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ließ (zu) lange auf sich warten, wurde teils aktiv verhindert. Bis heute liegen zahlreiche Gehirnpräparate von Opfern der NS-Verbrechen im Historischen Archiv des Hauses. Nur ein Teil der Präparate wurde 1990 auf dem Münchner Waldfriedhof bestattet – anonym, ohne die Namen der Opfer zu nennen. Von 2017 bis 2026 forschten unabhängige Historiker*innen im Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft zur Identität der Opfer, versuchten ihre Biographien zu recherchieren und damit ein Gedenken zu ermöglichen. Nach Abschluss des Forschungsprojektes werden die verbliebenen Präparate auf dem Münchner Waldfriedhof würdig bestattet werden. Dann werden auch die Namen der Opfer an der Grabstätte zu lesen sein.

„Wir sind beschämt darüber, in welchem Ausmaß unser Institut in NS-Verbrechen involviert war. Bis heute lagern Präparate von über 400 Personen in unseren Archiven, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer von NS-Verbrechen geworden waren. Die Recherchen des Opferforschungsprojektes haben dies in vielen Fällen bestätigt. Wir sind ebenfalls beschämt über das Handeln der verantwortlichen Akteur*innen nach 1945, die dazu beigetragen haben, die Verbrechen zu vertuschen und eine Aufarbeitung zu verhindern. Als heutige Direktorinnen und Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie stellen wir uns der historischen Verantwortung und übernehmen die Verantwortung für den mangelnden Aufarbeitungswillen unserer Vorgänger. Die kritische und andauernde Auseinandersetzung mit der Geschichte und der historischen Verantwortung ist ein zentrales Anliegen unserer Arbeit.“

Elisabeth Binder, Nadine Gogolla, Peter Falkai
Direktor*innen des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie

Abschluss des Forschungsprojektes

Die Historiker*innen des Forschungsprojektes „Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten“ werden ihre Ergebnisse in zwei Veranstaltungen in Berlin am 20.10. und in München am 16.11. vorstellen: Weitere Infos auch zur Anmeldung finden Sie auf der Website der Max-Planck-Gesellschaft oder links. Resultat der Forschung sind vier Bände, zwei Gedenkbände mit Biographien der Opfer und zwei Monographien zu den Ergebnissen. Die Namen der Opfer wurden im Rahmen des Projektes bereits 2025 in der Datenbank „Victims of Medical Research under National Socialism“ an der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften veröffentlicht.

Erinnerungsarbeit

Auch im Institut selbst wird der Opfer von NS-Medizin-Verbrechen und unethischer Forschung gedacht. Ein Lern- und Gedenkort entsteht: Eine Ausstellung wird Biographien der Opfer in den Mittelpunkt stellen und über Täter*innen und Tatkontexte informieren. Damit steht die Erinnerungsarbeit jedoch erst an ihrem Anfang. Im Anschluss sollen weitere historische Aufarbeitungsprojekte am Institut gefördert und sichtbar gemacht werden.

 

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